Spiel mit wechselnden Rollen
Theaterherbstpremiere für "Leb wohl, Judas" mit der Schauspielwerkstatt von Berit Bartuschka
von Angelika Bohn
Ostthüringer Zeitung
Szenenfoto der Theaterherbst-Inszenierung "Leb wohl, Judas". Links vorn Uli Blumenstein, der die Rolle des Judas fast über die gesamte Zeit spielt und auf der Bühne mit beeindruckender Präsenz agiert.    (Foto: Karsten Schaarschmidt)

Ein Judas sein, heißt, den Freund für 30 Silberlinge an die Feinde verraten. Für eine Summe, die offenbar schon zu Jesu Zeiten in keinem Verhältnis zur Schwere des Verbrechens stand. Aber das ist nicht der Punkt in Ireneusz Iredynskis Stück "Leb wohl, Judas". Den polnischen Autor (1939-1985) bewegt die alle ethischen Grundsätze negierende Besessenheit des Stalinismus von der Idee des Verrats. Dessen Glaube, der Zweck heilige die Mittel, entfesselte nicht nur in den eigenen Reihen eine Orgie der Gewalt, er diskreditierte schließlich die humanistischen Ansätze der kommunistischen Ideologie und führte am Ende des 20. Jahrhunderts zum Zusammenbruch der sich selbst als sozialistisch definierenden Systeme. Doch spätestens seit dem 11.September 2001 liegt auf der Hand, daß existentielle Bedrohung auch gestandene Demokraten dazu bringen kann, Menschenrechte zu beschneiden und ihre Gültigkeit für ausnahmslos jeden zu verneinen. Um dieses ebenso gewaltige wie brisante Thema geht es der Schauspielwerkstatt unter Leitung von Berit Bartuschka, die zum Greizer Theaterherbst am Dienstag "Leb wohl, Judas" auf die Bühne stellte. Nicht zuletzt durch das szenische Zitieren jenes Bildes, das einen gefangenen Iraker zeigt, der gefesselt und mit einer Plastetüte über dem Kopf auf der Erde sitzt, markieren die jungen Greizer den Spannungsbogen ihrer Judas-Geschichte.
Sie beginnt eindrucksvoll harmlos.Zu Rap-Musik treiben sechs junge Menschen diverse unverdächtige Sportarten: Seilspringen, Federball, Hantelnstemmen. Mit minimalistischen Mitteln wird dem Publikum deutlich gemacht, der junge Mann mit dem verräterischen Namen Judas da auf der Bühne gehört einer Gang an, die im Untergrund aktiv ist.

Dieser Judas vertreibt sich das Warten, indem er einem Mädchen Mut macht. Irgendwann in der Zukunft werde alles gut und schön. Doch dann fallen die eigenen Kumpels über Judas her und quälen ihn. Er soll zugeben, in der Gefangenschaft des Feindes unter der Folter zum Verräter geworden zu sein. Je länger er leugnet, desto schlimmer wird die Tortur. Und auch JudasīBefreiung durch die Gegenseite bringt ihn sofort in dieselbe Situation. Doch nun verrät er seine Kumpane, genießt ein wenig Luxus, kann aber seine Schuld nicht ertragen und erhängt sich. Erneut treiben junge Leute diverse unverdächtige Sportarten in einer Turnhalle.
In den Werkstatt-Inszenierungen des Theaterherbstes geht es zum einen um die Erarbeitung des Themas, zum anderen um die Frage, wie dieses Thema mit den eigenen Mitteln auf die Bühne bringen. Stringent wählen Uli Blumenstein (Judas/Kommissar), Tina Burkhardt (Mädchen/Kommissar), André Dyllang (Judas/Kommissar), Anne Kuhl (Engel/Mädchen/Kommissar), Theresia Reinhold (Mädchen/Piotr/Kommissar), und Ralf Sonne (Jan/Kommissar) den Rollenwechsel. Jeder kann Judas sein, jeder Folterknecht, jeder Opfer, jeder Täter. Dabei gelingt es dem Werkstatt-Team mit einfachsten theatralischen Mitteln die Schizophrenie auf beklemmende Weise auszudrücken, mit der Fanatismus in Unmenschlichkeit mündet. Kein wie auch immer geartetes hochherziges Ziel kann Folter rechtfertigen und aus Unrecht wächst nie Recht, sondern wieder neues Unrecht- lautet die Quintessenz. Es ist bemerkenswert, mit welchem Ernst die "Leb wohl, Judas"- Werkstatt ihren Blick auf Grundfragen der Demokratie und individuelle Freiheit richtet.